Wenn die Depression den Lebensmut nimmt

Wenn die Depression den Lebensmut nimmt

Depressionen sind weit verbreitet

Aktuell beschäftige ich mich wieder vermehrt mit dem Thema Depression. Allgemein wird darüber ja eher wenig gesprochen und wenn, dann meist in einem professionellen Kontext. Auch wenn die Depression als Krankheit inzwischen kein gesellschaftliches Tabuthema mehr ist, so reden wir dennoch nicht gerne über sie.

Es ist ein unangenehmes Thema. Diejenigen, die es betrifft, leiden und alle, die es nicht kennen, fühlen sich oft hilflos gegenüber Angehörigen, die unter Depressionen leiden.

Auch ist die Depression nichts, was man jedem mal eben beim Kaffee als lockeren Smalltalk erzählt. Vielmehr vertrauen sich Menschen, die unter Depressionen leiden, oftmals nur schwer jemandem an. Nicht selten kommt es vor, dass selbst Familienangehörige von der Depression eines nahen Verwandten nichts wissen.

 

Depression kann den Lebensmut nehmen

Wenn ich nach meinem Job gefragt werde und erzähle, dass ich psychologische Beratung anbiete, sind die Menschen mir gegenüber meist offener. Hier und da wird dann doch mal auf das eine oder andere Problem eingegangen, was sonst vermutlich nicht zum Thema gemacht worden wäre.

Erst kürzlich ging es in einem meiner Gespräche um Depressionen und darum, was passiert, wenn jemand sterben will aufgrund dieser Krankheit. An sich ist dieses Thema nach wie vor hochaktuell. Auch heutzutage ist die Depression eine potentiell tödlich verlaufende Erkrankung, die keinesfalls unterschätzt werden darf.

 

Dennoch stellte ich die These in den Raum: Niemand will sterben.

Mein Gegenüber war zunächst etwas irritiert, fragte dann aber nach.

„Warm begehen manche Depressive denn Selbstmord, wenn sie gar nicht sterben wollen?“

Ich erwiderte, dass dies eine absolut berechtigte Frage sei und erläuterte meine Gedanken dazu.

 

Der Mensch hat einen starken Überlebenstrieb. Davon bin ich überzeugt. Ob dieser unser stärkster Trieb ist, vermag ich nicht zu sagen, aber ich denke, dass er sehr stark ist und auf diese Weise unser Überleben sichert. Wenn es uns egal wäre, ob wir leben oder sterben, würden wir komplett anders handeln, als wir es tun. Wir würden keine Versicherungen abschließen, beim Überqueren der Straße nicht nach rechts und links sehen und, wie es den Lemmingen nachgesagt wird, kollektiv von einer Klippe in den Tod springen. Einfach, weil es uns egal wäre, ob wir leben oder tot sind.

Auf diese Art und Weise handeln wir aber nicht. Wir treffen alle möglichen Vorkehrungen gegen eventuelle Schäden, seien diese physischer, psychischer oder auch finanzieller Natur. Zudem planen wir in die Zukunft und haben Ziele. Und auch wenn ein Mensch, der unter Depressionen leidet, dies oftmals nicht macht, so ist er bestrebt, seinen Alltag so gut es geht normal aufrecht zu erhalten.

 

Sterben wollen oder nicht so weiter leben?

Ich denke, dass depressive Menschen durch ihr emotionales Leiden irgendwann ihren Lebensmut verlieren können. Aufgrund ihrer emotionalen Labilität und dem Gefühl der Ohnmacht sowie der Unfähigkeit, wirklich etwas gegen dieses Gefühl unternehmen zu können, möchten sie eventuell nicht mehr leben. Das heißt in meinem Verständnis aber keineswegs, dass sie sterben wollen.

Ich vergleiche diesen feinen Unterschied gern mit der BWL Theorie zur Mitarbeitermotivation von Hofstede. Diese hat zwar weniger mit Depressionen und vielmehr mit Motivationspsychologie zu tun, dennoch faszinierte mich Hofstedes Theorie zu den betrieblichen Hygienefaktoren bereits während meines Studiums. Hofstede sagt, dass bestimmte Faktoren motivierend wirken und andere bei Vorhandensein nicht demotivierend. Nun könnte man annehmen, dass beides auf das Gleiche hinausläuft, dem ist aber nicht so. Nicht demotiviert zu sein, bedeutet nicht automatisch, dass Motivation vorliegt.

Genauso ist es für mich ein Unterschied, ob man sterben will oder nur nicht mehr so weiter leben.

 

Aussichtslosigkeit, Sinnlosigkeit und das innere Gefängnis

Aus diesem Grunde bin ich davon überzeugt, dass Depressive grundsätzlich nicht sterben wollen, sondern lediglich unter den gegebenen Umständen kapitulieren und auf diese Weise nicht mehr weiter leben möchten. Sie verlieren ihren Lebensmut.

Das schließt in meinem Verständnis aber nicht aus, dass sie, wenn sie ein anderes Leben wählen könnten, in welchem die Depression keine Rolle spielt, weiterleben wollen würden und ihren Lebensmut zurück gewinnen könnten.

Und auch wenn jemand aufgrund seiner Depression sagt, er oder sie wolle sterben, so sehe ich das weniger als einen tatsächlichen Wunsch, sondern vielmehr als verzweifelten Gedanken. Diese Verzweiflung entspringt letztlich aus dem Gefühl, es nicht ändern zu können, sich selbst emotional nicht kontrollieren zu können, dass alles sinnlos ist und sich das auch nie mehr ändern wird.

Von Depressionen Betroffene sehen oftmals keinen Ausweg aus ihrem Leiden, fühlen sich ohnmächtig und in einem inneren Gefängnis. Daher neigen sie dazu, keine Ziele mehr zu verfolgen und sind in besonderen Tiefphasen oft nur noch schwer in der Lage, ihren Alltag zu bewältigen.

Gefühlte Ausweglosigkeit

Je nach Schweregrad einer Depression kann sich diese in verschiedenen Varianten zeigen. Nicht mehr leben zu wollen oder zu artikulieren, dass man sterben will bis hin zum Selbstmordversuch oder tatsächlichem Selbstmord, stellt dabei die schwerste Form der Depression dar.

Die Depression ist eine ernste psychische Erkrankung, die in jedem Fall behandlungsbedürftig ist. Trotzdem leiden viele Betroffene im Stillen und scheuen sich, eine Therapie in Anspruch zu nehmen. Auch hier können verschiedene Gründe vorliegen, warum jemand keine Therapie möchte.

Meiner Erfahrung nach, befürchten die Betroffenen stigmatisiert zu werden. Oft spielt aber auch das Thema Verdrängung eine Rolle. Depressive, die noch funktional sind, wollen sich eventuell nicht eingestehen, dass sie Hilfe benötigen bzw. mit professioneller Unterstützung ihr heimliches Leiden eventuell beendet könnten.

Ich kenne das aus eigener Erfahrung und von vielen Betroffenen, mit denen ich mich zu diesem Thema unterhalten habe. Jene, die sich darüber bewusst sind, dass sie depressiv sind oder waren, bestätigten mir, dass man erst nicht mehr anders können muss, bevor man endlich Hilfe annehmen kann. Man muss erst am Boden sein, um wieder aufstehen zu können. So weit muss es aber nicht kommen. Es ist keine Schande, unter Depressionen zu leiden und ihr seid nicht allein.

Man könnte die Depression als Volkskrankheit bezeichnen. Es redet nur keiner drüber.

 

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