Lebensziele und Hoffnung in der Depression

Lebensziele und Hoffnung in der Depression

Die Ziele und die Depression

Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Wer kennt sie nicht diese Aussage? Jeder hat diesen Satz schon mal gehört. Doch wie viel Wahrheit steckt dahinter?

Eine Bekannte, mit der ich mich über Depressionen unterhielt, sagte diesen Satz eher beiläufig. Sie hatte diesen wohlbekannten Spruch als Ergänzung zu einem anderen Thema gemeint, nämlich die Depression.

Dass das Thema Depression öfter durch meinen Kopf geistert, habe ich bereits in meinem Beitrag Wenn die Depression den Lebensmut nimmt erwähnt.

Wir sprachen unter anderem über Ziele im Leben und wie wichtig in meinen Augen bestimmte Lebensziele sind. In meinem Verständnis sind Lebensziele gute Maßnahmen gegen Depressionen. Jeder Mensch braucht ein Ziel. Das schafft Orientierung, Struktur und das Streben nach etwas. Ohne ein Ziel fühlt man sich schnell verloren und nur so dahinlebend.

Ohne zu wissen, wofür man morgen wieder aufsteht, kommt man schnell in eine Abwärtsspirale aus Orientierungslosigkeit, Motivationstief und Frustration.

Die Frage: Wozu soll ich denn Leben?, kann aufkommen und jemand, der seine Ziele aus den Augen verloren hat, kann in eine Depression abrutschen.

 

Ziel- und Orientierungslos

Wenn ich mit Menschen über ihre Ziele im Leben spreche, wird mir oft deutlich, wie wenig selbstverständlich es ist, Lebensziele zu haben. Viele tun sich schwer, ihre Ziele zu benennen, oder blicken direkt verzweifelt, weil sie nicht wissen, was sie antworten sollen.

„Ich habe keine Ziele.“, höre ich dann oft.

Doch oftmals ist es nicht ein Mangel an Zielen, welcher jemanden in die Depression treibt. Ich denke, es ist vielmehr umgekehrt. Bestimmte Erfahrungen und Bewältigungsstrategien prädestinieren Personen für bestimmte Gefühlszustände.

Die Depression als schlimmster Zustand des affektiven Unwohlseins sorgt dabei typischerweise für eine Ziellosigkeit im Leben. Durch diese affektive Störung wird oftmals von den Betroffenen alles als sinnlos und hoffnungslos empfunden. Demnach ist es im Grunde logisch nachvollziehbar, dass keine Pläne gemacht und keine Ziele gesetzt werden. In der Logik von Depressiven ist dieser Aufwand ohnehin vergebens.

Hinzu kommt zumeist ein extrem negatives Selbstbild. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Betroffene sich aufgrund ihres Mangels an Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl nichts zutrauen, meist vom eigenen Versagen ausgehen und somit auch eine Art erlernte Hilflosigkeit entwickeln. Aus dieser Spirale wieder herauszukommen, erscheint Menschen, die unter Depressionen leiden, unmöglich.

 

Doch trotz all dieser Widrigkeiten bin ich davon überzeugt, dass auch in der Depression Hoffnung vorhanden ist. Von außen betrachtet, ist natürlich stets Hoffnung vorhanden. Immerhin können depressive Personen, Hilfe bekommen, wenn sie das wollen.

Als schwierig empfinde ich in diesem Zusammenhang jedoch, dass sich unter einer Depression leidende Menschen oftmals nur ungern anvertrauen. Durch die projektbasierte Arbeit mit Kindern psychisch kranker Eltern, welcher ich während meines Studiums nachging, weiß ich, wie hoch die Hemmschwelle für Betroffene sein kann, sich professionell helfen zu lassen.

Nicht selten hörte ich Aussagen, wie: „Ich habe halt gehofft, es geht von alleine wieder weg.“, oder „Ich hatte Angst für verrückt gehalten zu werden.“

Auch die Aussage, dass man erst bereit sei, Hilfe zuzulassen, wenn man selbst nicht mehr kann und bereits völlig am Ende ist, kam häufig vor.

 

Das größte Leid bringt die größte Hoffnung hervor

In meinen Augen sind solche und ähnliche Aussagen keineswegs ein Indiz für Hoffnungslosigkeit, sondern ganz im Gegenteil: Sie sind voller Hoffnung.

Meiner Auffassung nach steckt in diesen Aussagen sogar sehr viel Hoffnung. Wenn man bedenkt, welchen Leidensdruck die Betroffenen bewältigen müssen, um im Alltag funktional zu bleiben, so gehört zudem eine große Stärke dazu. Ich denke, dass sie diese Stärke aus ihrer Hoffnung beziehen. Die Hoffnung stirbt tatsächlich zuletzt und in meinen Augen bedarf die Fähigkeit, ein so starkes Leiden auszuhalten, einer ordentlichen Portion Hoffnung.

Wenn wirklich keine Hoffnung bestünde, wie vermutlich viele Depressive sich selbst attestieren würden, dann wäre es für mich unlogisch, dass sie ihre Depressionen so lange aushalten (können). Im größten Leid ist oftmals die größte Hoffnung zu finden, wenngleich die Betroffenen sie am wenigsten sehen können.

Hoffnung ist für mich das reine Lebenselixier. Auf ihr begründet unser komplettes Dasein. Ohne die Hoffnung auf ein positives Leben, einen gut verlaufenden Tag, oder darauf, dass die eigenen Fähigkeiten einem helfen mögen, auch widrigen Umständen zu trotzen, hätten wir alle keinen Grund zu leben.

Und genauso betrachte ich es auch in der Depression. Es ist zwar nicht von der Hand zu weisen, dass manche Menschen sich aus ihrer Depression heraus für einen anderen Weg entscheiden (Artikel: Wenn die Depression den Lebensmut nimmt), doch sehe ich bei jenen, die sich Hilfe in einer Psychotherapie oder bei leichteren Lebenskrisen in einer psychologischen Beratung suchen, stets Hoffnung. Denn auch, wenn man denkt, alles sei hoffnungslos, so ist man trotz allem voller Hoffnung, dass es besser werden kann. Ansonsten würde man nicht die Mühen einer Therapie oder psychologischen Beratung auf sich nehmen.

 

Lebensziele und Motivation

Gerade bei depressiven Zuständen empfinde ich es als besonders wichtig, auf Ziele hinzuarbeiten. Ein Ziel kann eine wahnsinnige Kraft entwickeln. Motivation in Richtung eines echten eigenen Ziels ist ein starker Antrieb und genau an diesem fehlt es in schweren Zeiten oft.

Lebensziele schaffen Motivation und beides zusammen erschafft die Hoffnung – oder ist es doch umgekehrt?

Ich denke, es ist, wie mit dem berühmten Teufelskreis. Nur ist es diesmal eine positive Angelegenheit. Aus der Hoffnung heraus erhalten wir die Kraft, neue Ziele zu setzen. Diese Ziele können, wenn es die richtigen und wirklich unsere eigenen sind, unglaublich starke Motivatoren sein. Mit einem wirklich motivierendem Ziel vor Augen entsteht zugleich neue Hoffnung.

Hoffnung darauf, dass doch nicht alles hoffnungslos ist und dass es besser werden kann, als es jemals zu vor war. Die Hoffnung ist etwas Wundervolles, sie beginnt und schließt zugleich den Lebenskreis und stellt die Basis für unser gesamtes Tun dar.

 

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