Psychologie des Versagens - Wenn Ängste kontrollieren

Die Psychologie des Versagens – Wenn Ängste kontrollieren

Gibt es eine Psychologie des Versagens?

Versagen ist wie vieles andere auch eine Frage der Perspektive, Wahrnehmung und Lebenseinstellung. Was definieren wir als Versagen und was als Erfolg? Wie gehen wir mit Dingen, um, die anders geplant waren? Können wir einen Mehrwert im ungeplanten Kurswechsel erkennen oder fühlen wir uns auf ganzer Linie als Versager?

 

Je nach dem wie wir mit außerplanmäßigen Veränderungen und Geschehnissen umgehen, fühlen wir uns versagend oder als glückliche Gewinner eines unerwarteten Zufalls. Und auch wenn wir noch nicht immer wissen, wofür das vermeintliche Versagen gut war, so erschließt sich meist in der näheren Zukunft ein tieferer Sinn.

 

Selbstzweifel und Ängste

Doch was beeinflusst die Art und Weise, wie wir Fehlschläge interpretieren und handhaben? Da Versagen eine stark subjektive Wahrnehmung ist und mit objektiven Kriterien eher schwer fassbar, liegt die Antwort, wie so oft in der Psychologie unseres Selbst. So lassen uns unserer Ängste nicht nur gelegentlich zweifeln, sondern können uns tatsächlich lähmen und uns auf diese Weise das Gefühl vermitteln, Versager zu sein.

 

Dabei erzeugen unsere Ängste einen Teufelskreis. Die Ängste formen Selbstzweifel, welche für sich allein genommen bereits schädlich sind. Selbstzweifel blockieren uns in unserem Vorhaben, reden uns ein, dass wir das eh niemals schaffen und dass wir schlecht sind, in dem was wir tun. Mit diesem Mindset ist es kaum mehr möglich, mit voller Motivation und Energie an ein Vorhaben heranzugehen. Das Scheitern ist bereits nahezu vorprogrammiert.

 

Aus diesem Prinzip heraus ergibt es sich automatisch, dass wir uns als Versager wahrnehmen. Wir fühlen uns in unseren Selbstzweifeln bestärkt und glauben, wenn wir gleich auf uns gehört hätten, hätten wir diesen Misserfolg verhindern können. Die Frage, die trotz allem bleibt, ist, ob es sich wahrhaftig um einen Misserfolg handelt?

Manchmal zeigt uns das Versagen den richtigen Weg

 

Fragen, die du dir stellen solltest:

  • Warum ist es schief gelaufen?
  • Welche Fehler habe ich gemacht?
  • Was kann ich daraus für mich lernen?
  • Wie kann ich es beim nächsten Mal besser machen?

Eventuell war mein Plan auch einfach nicht mein eigener. Oftmals scheitern wir, wenn wir fremderzeugten Bedürfnissen und Plänen nachgehen.

„Alle haben gesagt, ich soll das machen, aber ich war bis zum Schluss nicht von dem Konzept überzeugt.“

 

Ein anderer Grund für Scheitern ist häufig die Tatsache, dass wir einfach noch nicht so weit sind. Vielleicht fehlt uns noch ein Entwicklungsschritt, bis wir bereit sind, diesen einen bestimmten Plan in die Tat umzusetzen.

 

In beiden Fällen bewahrt uns das vermeintliche Versagen vor einem für uns falschen Weg, der uns womöglich nicht gut tun würde.

 

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass auch wenn etwas voll unser Ding ist, unsere Ängste, wenn sie zu mächtig sind, die Kontrolle übernehmen und einen Strudel des Versagens heraufbeschwören können. Natürlich gilt auch hier immer try and error – Was kann ich daraus mitnehmen? Dennoch ist es einfach schöner, einen Plan zu verfolgen und erfolgreich zu sein.

 

Wenn es krankhaft wird

Aufpassen sollte jeder vor allem dann, wenn die Ängste bzw. die Versagensangst scheinbar übermächtig wird und sogar den Alltag beeinträchtigt. Nicht selten kann hier eine ernste psychische Erkrankung dahinter stecken. Vor allem bei Depression oder einer generalisierten Angststörung kann Versagensangst ein Symptom sein. In solchen Fällen sollte zwingend ein Arzt konsultiert werden.

 

Aber nicht jeder, der unter gelegentlicher Versagensangst leidet, ist als pathologisch zu betrachten. Ängste im gängigen Rahmen sind absolut normal und jeder kennt sie. Wenn wir es schaffen, gut mit unseren Ängsten umzugehen, blockieren sie uns im Normalfall auch nicht in unserer persönlichen und beruflichen Selbstverwirklichung.

 

Leistungsdruck leitet das Leiden

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Die voranschreitende Digitalisierung beschleunigt zudem rasant unseren Alltag mit Vor- und Nachteilen für uns. Die Angst zu versagen kann so groß sein, dass sie uns davon abhält, unsere Wünsche und Träume zu leben.

 

So entscheiden wir uns oftmals weniger aus rationalen Gründen gegen die Verwirklichung eines Vorhabens, sondern meist aufgrund der Angst zu versagen. So denken wir beispielweise oft darüber nach, unseren aktuellen eventuell unbefriedigenden Job aufzugeben und ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Aber: Was wenn ich versage, wenn es nicht klappt?

 

In einer Leistungsgesellschaft hat Versagen oft keinen Platz. Zuweilen habe ich schon gelesen, dass in keinem anderen Land der Erde Misserfolg so negativ betrachtet wird, wie bei uns in Deutschland. Ich selbst kann das nur schwer einschätzen. Wir wachsen in dieser Kultur samt ihrem Umgang mit Versagen auf und empfinden es deshalb als normal. Spannend fand ich diese Aussage dennoch oder vielleicht genau deswegen.

Fehler einzugestehen fällt keinem leicht

 

Niemand applaudiert, wenn wir versagen und vorsichtig ergänzen, dass wir daraus so unheimlich viel gelernt haben. Es kommt mir ein bisschen vor wie in der Biologie: das Alles oder Nichts Prinzip.

Hast du Erfolg ist alles gut, hast du vermeintlich versagt, ist alles eher nicht so gut.

Im Job habe ich früher oft den Druck gespürt und einmal habe ich, ohne es zu wissen, in den Augen meines Chefs versagt. Die damalige Situation kann als klassisches Missverständnis beschrieben werden. Er hatte unter einem bestimmten Begriff etwas ganz anderes verstanden als ich. Folglich war das Ergebnis ein ganz anderes, als er erwartet hatte. Seine Reaktion empfand ich als übertrieben negativ. Vor allem, wo kein Termindruck bestand und für eine Nachkorrektur ausreichend Zeit vorhanden war. Dennoch ist mir dieses Gefühl, welches ich damals empfand, bis heute gut im Gedächtnis geblieben. Ich habe mich zwar nicht als Versager gefühlt, aber dennoch hatte ich das Gefühl vermittelt bekommen, versagt zu haben. Es war definitiv unangenehm.

 

Ich und mein Selbstwert

Vor diesem Hintergrund kann ich sehr gut nachvollziehen, dass manche nur noch in den Dienst nach Vorschrift Modus gehen, um mit Innovation nicht potentiell negativ aufzufallen. Ich vermute, dass dieses Prinzip der Resignation unter Umständen auch dazu führt, dass wir uns selbst nichts mehr zutrauen und die Angst vorm Versagen uns so lange lähmt, bis wir unsere Träume begraben.

Zumeist begründen wir das dann mit den Worten: Ich muss realistisch bleiben.

Tatsächliche Fakten stehen jedoch meist nicht dahinter.

 

Dabei ist der Anspruch an die eigene Leistung immer höher, was paradoxerweise dazu führt, dass wir uns noch weniger zutrauen, diesem Anspruch gerecht zu werden. Durch die individualistische Ausrichtung unserer Gesellschaft stellt Versagen schnell einen drohenden Verlust des Selbstwerts dar, was das gesamte Ich-Konzept ins Wanken bringen kann. Die Kunst des Erfolgs liegt letzten Endes also darin, mit schlechten Gedanken besser umgehen zu können und infolge dessen den eigenen Selbstwert zu schützen.

 

Die Versagensangst verführt uns also dazu, im Zweifel lieber im Nichtswagen zu verharren, anstatt zu riskieren, im Falle des Versagens mit einem veränderten Blick auf uns schauen zu müssen. Dieser Blick muss nicht zwangsläufig schlecht sein, wird aber von den meisten als das empfunden: negativ.

 

Zur Überwindung der Versagensängste sei folglich eine ehrliche Frage nach der Quelle unseres Selbstwerts zugelassen. Beruht dieser nur auf Leistungsmaximen, oder können wir nicht auch einen Großteil unseres Selbstwerts aus uns selbst heraus schöpfen?

An dieser Stelle sei auf meinen Beitrag Lieber glücklich sein – Eine bewusste Entscheidung verwiesen.

 

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